Geschichte und Geschichten - Legenden und Mythen aus dem Yoga

            Ganesha
Ganesha

Auch wenn in der westlichen Welt Yoga sich in erster Linie auf Übungen des Körpers konzentriert, hört man früher oder später auch die Begriffe „Philosophie“ und „Religion“ im Yoga. Auch die Götter Indiens, von denen es unzählige gibt, sind immer wieder in Geschichten zu finden, die uns den tieferen Sinn von Yoga näher bringen.

 

Anders als im Christentum herrscht in Indien nicht ein allmächtiger und allwissender Gott über die Welt. Es gibt viele Götter.

Indische Götter sind kräftige, energie-ausstrahlende Gestalten, wie auch liebende, sinnliche, menschliche Götter.

Was schnell auffällt: Die indischen Götter leuchten in vielen bunten Farben.

Indische Götter haben viele verschiedene Charaktere und Aufgaben: Es gibt männliche und weibliche Götter, auch Götter in Tiergestalten.

Die drei wichtigsten indischen Götter zusammen werden als Trimutri bezeichnet. Sie stehen für drei grundlegende kosmische Prinzipien: Erschaffung (Brahma), Erhaltung (Vishnu) und Zerstörung (Shiva).

Eine Besonderheit der indischen Götter ist außerdem, dass den größten Göttern starke, hingebungsvolle Geliebte als Gefährtin zur Seite gestellt sind. So treten indische Götter meist als Götterpaare auf. Sie sind es, die gemeinsam die Welt erschaffen, zerstören, erneuern und erhalten.

 

Yoga ist mythisch. Eine Spiegelung der zeitlosen, universalen kosmischen Kräfte – Schöpfung, Beständigkeit, Auflösung - , die in den Asanas und Mudras des Yoga verkörpert sind. Mann muss nicht nach Indien reisen, um in seinem Körper die Kraft der Kobra zu spüren oder die Stärke des Baums. Doch nur wenigen Europäern sind die Geschichten hinter den Namen der Asanas oder die alles durchdringende Natur der Mythen der Götter wie Shiva oder Ganesha bekannt, die in Indien vom Kind bis zum Guru jeder kennt. Die meisten traditionellen Lieder, Tänze und Kunstwerke Indiens sind Darstellungen dieser Mythen – und sind gleichzeitig eine Art Lehrer. Sie können rätselhaft sein, widersprüchlich, friedlich, voll Zorn, doch auch befreiend.

 

Die Geschichten hinter den Asanas zu erfahren heißt, den Raum des mythischen Bewusstseins zu betreten, den Ort, an dem man die äußeren Asanas nicht mehr zu kennen braucht, nur noch die inneren, die Landschaft, auf die sich die Mythe bezieht.

   

Die Kobra – Bhujangasana

Den meisten Menschen flößt die Kobra Angst ein, doch sie ist ein Freund des Yogi. Während er auf dem yogischen Pfad über Hindernisse, Gifte und Ängste stolpert, helfen ihm ihre vielen Erscheinungsformen. Shiva legt sich Kobras um den Hals und bringt so seine tiefe Vertrautheit mit der Angst vor dem Tod zum Ausdruck. Sein Sohn Ganesha trägt eine Kobra um den Bauch zum Zeichen für sein Bemühen, in die Fußstapfen seines Vaters und Lehrers zu treten und auf dem yogischen Pfad seine Ängste zu meistern.

Die Schlange ist also ein mächtiges Symbol unserer Fähigkeiten, auf unserem Weg zur Erleuchtung alle Ängste zu überwinden. Man wir eine Furcht nicht los, in dem man vor ihr davonrennt – wie es viele tun, wenn sie eine Kobra sehen -, man muss sich ihr vielmehr nähern und sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten.

 

Als Buddha einmal unter dem heiligen Bodhi-Baum meditierte, versammelten sich Kobras in seiner Nähe, angelockt von der inneren Ruhe und Selbstgewissenheit des Meditierenden. Buddha spürte ihre Gegenwart, hatte aber keine Angst. Seine Furchtlosigkeit gab den Schlangen die Gewissheit, dass er ihnen nichts tun werde. Seine Ruhe war wie Balsam für sie und so blieben sie bei ihm, um ihn zu beschützen. Leute versammelten sich, hielten aber aus Angst vor den Schlangen Abstand. Als es heftig zu regnen begann, sorgten sich die Menschen um Buddha, doch keiner wagte es, sich ihm zu nähern.

Der König der Kobras aber schlängelte sich von hinten an ihn heran und richtete sich so hoch auf, wie er nur konnte. Als er ein Drittel seines ganzen Körpers aufgerichtet hatte, spreizte er seinen Hals und schuf so einen großen Schirm über dem Kopf Buddhas. Dieser setzte in völliger Ruhe und Versunkenheit seine Meditation fort. Von tiefer Erfurcht ergriffen, beobachteten die Zuschauer die Großzügigkeit der Kobra und die Standhaftigkeit, mit der Buddha meditierte.

 

Quelle:

Yoga-Philosophie-Atlas, Eckard Wolz-Gottwald

als Vishnu eine Lotosblüte gebar, Alanna Kaivalya, Arjuna van der Kooij